{"id":8710,"date":"2020-07-08T09:39:50","date_gmt":"2020-07-08T07:39:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gjh.de\/frog\/?post_type=beschluss&#038;p=8710"},"modified":"2021-11-23T11:02:26","modified_gmt":"2021-11-23T10:02:26","slug":"labei-juli-2020-die-krise-als-chance-begreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gjh.de\/frog\/labei-juli-2020-die-krise-als-chance-begreifen\/","title":{"rendered":"LaBei Juli 2020: Die Krise als Chance begreifen"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Monaten haben wir eine globale Krise erlebt, welche uns wie ein Brennglas auf die bestehenden Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht hat. Die Probleme unserer Zeit, wie soziale Ungleichheit, patriarchale Strukturen sowie global ungleiche Machtstrukturen, wurden in diesen Krisenzeiten deutlich. Dabei ist eins klar:<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung der Corona-Krise und die Bek\u00e4mpfung des Coronavirus kann nur gemeinsam gelingen. Es braucht nicht nur kluge Entscheidungen der Politik, sondern eine solidarische Zivilgesellschaft. \u00dcber unser Zusammenleben nach dieser Krise wird jetzt entschieden! Die GR\u00dcNE JUGEND Hessen fordert deswegen jetzt ein Mit-Denken bei allen Ma\u00dfnahmen in der Krise und ein Neu-Denken des Systems.<\/p>\n<p><strong>Soziale Gerechtigkeit konsequent mitdenken<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn alle zumindest vordergr\u00fcndig gleich an der Pandemie gelitten haben, so sitzen wir doch nicht alle im gleichen Boot, denn Krisen treffen vor allem die sozial Schw\u00e4chsten der Gesellschaft! Von Armut und sozialer Ausgrenzung sind besonders Kinder, \u00c4ltere, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose betroffen. Armut macht krank, und die berechtigte Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes ist nicht gesund.<\/p>\n<p>Aber auch junge Menschen in Ausbildung trifft die Krise hart. Viele Studierende haben bereits in den ersten Wochen der Krise ihren Job verloren und wissen h\u00e4ufig nicht mehr, wie sie die Wohnung oder Krankenversicherung in den n\u00e4chsten Monaten zahlen sollen. Die Unterst\u00fctzung der Studierende von Seiten des Bundes sind bei weitem nicht ausreichend. Sch\u00fcler*innen haben unter schweren Bedingungen ihre Abschlusspr\u00fcfungen geschrieben und Auszubildende hatten lange Zeit Ungewissheit, ob sie \u00fcbernommen werden. Hier muss es auch finanzielle Auffangm\u00f6glichkeiten geben. Diese Krise wird auch die junge Generation und ihre Chancen und M\u00f6glichkeiten stark pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Alle Ma\u00dfnahmen, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art sollten, jenseits von Lobbyinteressen, denen am meisten zu Gute kommen, die am meisten verloren haben.<\/p>\n<p><strong>Geschlechtergerechtigkeit konsequent mitbedenken<\/strong><\/p>\n<p>In der Krise wurde deutlich, dass unsere Gesellschaft noch einen weiten Weg hin zur Gleichheit der Geschlechter zu gehen hat. Sobald die Phase des Homeoffice begann und die Kitas und Schulen schlossen, mussten viele Frauen* aus dem Homeoffice heraus die gesamte Care-Arbeit, also neben der Aus\u00fcbung des Berufes auch die Betreuung der Kinder, die Erziehung und Bildung dieser, sowie die sonstige unbezahlte Care-Arbeit erledigen.<\/p>\n<p>Wir brauchen endlich einen Aufbruch in ein neues Zeitalter.<\/p>\n<p>Geschlechtergerechtigkeit ist erst dann erreicht, wenn wirklich alle Geschlechter ihrer individuellen Berufung nachgehen k\u00f6nnen und Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern gerecht aufgeteilt wird.<\/p>\n<p>Die Corona-Pandemie bedeutete aber vor allem ein Sicherheitsrisiko f\u00fcr Frauen*.<\/p>\n<p>Zu Hause bleiben galt als das Gebot der Stunde, doch viele Frauen* und Kinder sind genau dort nicht sicher. Die Enge im eigenen Zuhause, sich nicht aus dem Weg gehen zu k\u00f6nnen, f\u00f6rdert Konflikte und f\u00fchrt h\u00e4ufig zur Steigerung der Aggressivit\u00e4t, welche sich leider sehr oft in Gewalt gegen Frauen* und Kinder \u00e4u\u00dfert. Auch R\u00fcckzugs- und Schutzorte f\u00fcr Frauen* und Kinder fielen in Zeiten von Quarant\u00e4ne immer mehr weg.<\/p>\n<p>Seit Beginn der Corona-Pandemie hat der Bedarf an Pl\u00e4tzen in Frauen*h\u00e4usern versch\u00e4rft zugenommen, Beratungsstellen sind \u00fcberlastet und pers\u00f6nliche Beratung war aufgrund von Ansteckungsgefahr fast nicht mehr m\u00f6glich. Aber auch vor der Krise beklagten viele Beratungsstellen und Frauen*h\u00e4user starke finanzielle Defizite. Die Entwicklungen in der Krise verdeutlichen umso mehr, dass wir eine gesicherte Finanzierung und den st\u00e4rkeren Ausbau von Frauen*h\u00e4usern, Beratungsangeboten und schnellerer unkomplizierter Hilfe brauchen.<\/p>\n<p><strong>Klimaschutz mitdenken<\/strong><\/p>\n<p>Die starke Eind\u00e4mmung bis hin zur kompletten Stilllegung mancher Industriezweige reduzierte enorm den CO\u00b2-Aussto\u00df der ganzen Welt und zeigte einen deutlichen R\u00fcckgang der Luftverschmutzung. Dies beweist einmal mehr die dringende Notwendigkeit einer \u00f6kologischen-sozialen Wende. Trotzdem wird in den aktuellen politischen Debatten die Wiederbelebung der Wirtschaft \u00fcber die Erhaltung der Umwelt gestellt. Klimaschutzma\u00dfnahmen sind dabei kein &#8222;nice to have&#8220;, sondern die existenzielle Sicherheitsma\u00dfnahme gegen die weltweit gr\u00f6\u00dfte bevorstehende Krise. F\u00fcr uns als GR\u00dcNE JUGEND Hessen ist klar: Bei s\u00e4mtlichen Ma\u00dfnahmen muss der Kampf gegen die Klimakrise die wichtigste Rolle einnehmen, denn die Auswirkungen von Covid 19 sind nur ein Bruchteil derer, die uns bei einer weiteren Erderw\u00e4rmung drohen. S\u00e4mtliche F\u00f6rderprogramme f\u00fcr die Wirtschaft m\u00fcssen immer an \u00f6kologische Prinzipien gekoppelt werden.<\/p>\n<p>Alle Ma\u00dfnahmen in der Krise m\u00fcssen dazu beitragen, eine sozialere, gerechtere und \u00f6kologischere Zukunft zu gestalten. Das bedeutet auch, dass wir die Chance dieser Krise nutzen sollten, um um- und neuzudenken.<\/p>\n<p><strong>Arbeit neu denken<\/strong><\/p>\n<p>Die Krise hat die Debatte um die Gesellschaftsrelevanz bestimmter Berufsgruppen neu befeuert. Es wurde deutlich, dass unsere Gesellschaft ohne die vielen Menschen in der [unbezahlten] Sorgearbeit, dem Einzelhandel und vielen anderen unterbezahlten Berufsfeldern nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig ist. Berufst\u00e4tige in diesen Bereichen erfuhren zu wenig bis keine Anerkennung f\u00fcr ihre wertvolle Arbeit. Das einmalige Klatschen von den Balkonen w\u00e4hrend der Corona-Pandemie ist eine gut gemeinte, aber keine sozialgerechte W\u00fcrdigung. Es ist an der Zeit, dass wir Arbeit neu denken. Wir fordern bessere Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten, h\u00f6here L\u00f6hne und einen besseren Personalschl\u00fcssel insbesondere im Bereich der Care-Arbeit. Der Bonus f\u00fcr Pflegende und das medizinische Fachpersonal ist dabei nur ein Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein und ein symbolischer Akt, welcher mit seiner Kurzfristigkeit nicht die seit Jahrzehnten bestehenden, strukturellen Probleme dieser Gesellschaft behebt. Wir brauchen gest\u00e4rkte Gewerkschaften, insbesondere in gesellschaftsrelevanten Berufen, die f\u00fcr bessere Tarifl\u00f6hne und faire Arbeitszeiten sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie k\u00e4mpfen. Nur so kann den Mitarbeiter*innen endlich der ihn zustehende Respekt entgegengebracht werden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat uns die Krise gelehrt, wie wichtig die Digitalisierung sein kann, um Erwerbsarbeit nachzugehen. Wir wollen die M\u00f6glichkeit des Homeoffice auch nach der Krise beibehalten. Das darf aber nicht zu einem Backlash in der Gleichberechtigung f\u00fchren. Die Aufwertung von gesellschaftsrelevanten Berufen und eine gleichm\u00e4\u00dfige Verteilung von Care-Arbeit in der Gesellschaft muss Aufgabe einer sozialgerechten Politik sein.<\/p>\n<p><strong>Wirtschaft umdenken<\/strong><\/p>\n<p>Die Turbulenzen, die die Corona-Krise im Wirtschaftssystem ausl\u00f6ste, sind immens und noch lange nicht vorbei. Die wirtschaftlichen Fragen dieser Krise betreffen dabei vor allem Arbeiter*innen im Niedriglohnsektor. \u00dcber sieben Millionen Kurzarbeitende hat die Krise hervorgebracht. Millionen von L\u00f6hne- und Wanderarbeiter*Innen weltweit stehen vor einer existenziellen Krise und einer ungewissen Zukunft. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist und wird durch die Corona-Pandemie weiter ansteigen. Vor allem die Angestellten und Betreiber*innen im Hotel- und Gastrogewerbe, Schausteller*innen und Messemitarbeiter*innen leiden unter den Einnahmeausf\u00e4llen. Auch die Kunst- und Kulturszene trifft die Krise sehr hart. Kurzarbeit ist ein Mittel zur Krisenbew\u00e4ltigung, die Lasten dieser Krise m\u00fcssen dabei gerecht verteilt werden.<\/p>\n<p>Der Schutz der Arbeiter*innen sowie die Erm\u00f6glichung eines guten Lebens f\u00fcr Alle muss auch in der Krise gewahrt werden. Kurzfristig m\u00fcssen die eingesparten Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge der Arbeitgeber*innen an die Besch\u00e4ftigten weitergegeben werden. Kurzarbeiter*innengeld muss auch f\u00fcr Teilzeitkr\u00e4fte und Minijobber*innen greifen. F\u00fcr einen langfristigen Wandel bedarf es tiefer greifende Ver\u00e4nderungen. Die Einf\u00fchrung eines bedingungslosen Grundeinkommens f\u00fcr Alle ist die Grundlage daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Gesundheitspolitik umdenken<\/strong><\/p>\n<p>Unser Gesundheitssystem hat in dieser Krise bewiesen, dass es ein fundamentaler Bestandteil unserer Daseinsvorsorge ist und kein Spekulationsobjekt sein darf. Die Einsparungsversuche im Gesundheitssystem an den Krankenh\u00e4usern, die Kommerzialisierung und Privatisierung von Gesundheitseinrichtungen und der Preiskampf bei Medikamenten und anderen Medizinprodukten f\u00fchrte auch schon vor der Corona-Krise zu einer enormen \u00dcberlastung f\u00fcr Pfleger*innen und \u00c4rzt*innen. Schon die Risikoanalyse des Robert-Koch-Instituts 2012 bem\u00e4ngelte die Sparpolitik der Bundesregierung im Gesundheitssystem und dr\u00e4ngt damals wie heute auf ein systematisches Neudenken des Gesundheitssystems in Deutschland. Wir brauchen fl\u00e4chendeckend medizinische Versorgungszentren, vor allem im l\u00e4ndlichen Raum. Diese m\u00fcssen f\u00fcr die B\u00fcrger*innen erreichbar sein und vor allem eine gute fach\u00e4rztliche Versorgung garantieren. Wir brauchen ein Gesundheitssystem, dass den B\u00fcrger*innen dient und nicht den kurzfristigen Profitinteressen von Konzernen und Spekulant*innen, die sich durch den Betrieb von Gesundheitseinrichtungen kurzfristige Gewinne erhoffen. Denn gute Gesundheitspolitik ist ein Menschenrecht!<\/p>\n<p><strong>Bildung neu denken<\/strong><\/p>\n<p>Die Krise hat uns gezeigt, dass wir einen enormen Investitionsstau bei der Digitalisierung des Bildungswesens haben. So sind viele Schulen weder mit dem notwendigen Personal noch mit der notwendigen Hard- oder Software ausgestattet, um im Regelbetrieb arbeiten zu k\u00f6nnen. Zudem gilt ein Gro\u00dfteil des Lehrpersonals als Risikogruppe, das verdeutlichet auch hier wieder den immensen Mangel an Lehrkr\u00e4ften und Nachwuchspersonal. Diese Situation hat sich w\u00e4hrend der Schlie\u00dfung der Schulen und der Beschulung von zu Hause noch einmal versch\u00e4rft. Viele Kinder und Jugendliche, die aus einkommensschwachen Haushalten kommen, hatten keine M\u00f6glichkeit, am Schulunterricht im vollen Umfang teilzunehmen. Auch F\u00f6rderangebote und die Betreuung dieser Kinder konnte nicht gew\u00e4hrleistet werden. Im Falle eines erneuten Lockdowns braucht es dringend bessere Konzepte, die es erlauben, dass Sch\u00fcler*innen unabh\u00e4ngig ihres Elternhauses auch von zu Hause gute Bildung erhalten und F\u00f6rderma\u00dfnahmen angeboten werden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus stellt die Benotung der Sch\u00fcler*innen ein Problem dar. Ohne Regelunterricht und ohne Teilhabe am digitalen Unterricht ist eine Benotung der Sch\u00fcler*innen nicht m\u00f6glich. Die Abschaffung von Ziffernoten ist genauso wie die Umgestaltung hin zu einem inklusiveren Schulsystem jetzt mehr denn je notwendig.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen unser Bildungssystem ver\u00e4ndern, allen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen die M\u00f6glichkeit geben, kostenlose und gute Bildung zu erhalten.<\/p>\n<p><strong>Zukunft Mit- und Neu-Denken<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen f\u00fcr eine Zukunft streiten, die den Schwung der Digitalisierung mitnimmt und sich an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts orientiert. Wir wollen ein besseres Bildungssystem und den Kampf f\u00fcr mehr Chancengerechtigkeit vorantreiben. Wir wollen ein Wirtschaftssystem, dass sich an die Bed\u00fcrfnisse der Menschen anpasst und Arbeit endlich ins 21. Jahrhundert \u00fcbersetzen. Wir wollen ein Gesundheitswesen, das krisensicher und bedarfsgerecht ist. Wir wollen uns mehr denn je f\u00fcr gerechte Arbeitsbedingungen einsetzen, sowie den Kulturbereich und freie Kulturschaffende st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Wir k\u00e4mpfen \u00fcber die Krise hinaus f\u00fcr mehr miteinander und eine sozialere, gerechtere und \u00f6kologischere Zukunft!<\/p>\n<p>Beschlossen am 04.07.2020 auf dem digitalen Landesbeirat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Monaten haben wir eine globale Krise erlebt, welche uns wie ein Brennglas auf die bestehenden Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht hat. Die Probleme unserer Zeit, wie soziale Ungleichheit, patriarchale Strukturen sowie global ungleiche Machtstrukturen, wurden in diesen Krisenzeiten deutlich. 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